Mittwoch, 14. Dezember 2011

tanzende Leidenschaft




















Die Nacht brach über den Tag wie ein Gewitter. Die Laternen beleuchteten nur das Nötigste. Über den Straßen schlängelte sich der Nebel, ein Schleier der sich durch die Gehwege wand, wie eine Schlange auf Nahrungssuche. Die Kälte ging mir unter die Haut, bis hin zu den Gelenken. Nach 10 Minuten hatte sie meine Knochen eingenommen. Ich versuchte schneller zur Bahn zu gelangen, doch jede Anstrengung brannte in meinen Muskeln und zwang mich mein Tempo zu drosseln. In einer Nebenstraße, abgeschottet von dem Großstadtlärm und deren Schnelllebigkeit befand sich ein Tanzstudio, das hell erleuchtet war. Eine innere Stimme rief nach mir, sie sagte ich solle in die Gasse einbiegen. Mir sollte es recht sein, da die Straße auch zu der S-bahn führte. Ich näherte mich der Tanzschule und spürte durch die Lüftung wie die Kälte, die sich an meinen Nacken festgebissen hatte, langsam nachließ. Durch die Glaswand sah ich wie ein Tango auf dem Parkett getanzt wurde. Ein Paar hatte anscheinend einen neuen Schritt getanzt, denn eine Gruppe von Menschen beobachtete wissbegierig mehr die Füße der Tänzer, als den Tanz an sich. Die Herren standen im Halbkreis in schicken Hemden und Anzughosen, zu zweit mit ihren Damen die jeweils einen schwarzen Übungsrock und unterschiedliche, enge Bodies an hatten. Ich ging weiter und nach einer dunkelgrauen Säule konnte ich in das nächste Studio blicken, worin ein Junger Mann auf den Boden akrobatische Kunststücke machte, und eine kleinere Gruppe, die um ihn verteilt war und ihm es nachmachte. So eine Kraft, Rhythmus und Körperbeherrschung verpackt in einem Körper hatte ich selten gesehen. Als ich in das nächste Studio reinschaute erkannte ich erstmal nichts. Ein Scheinwerfer war das einzige was den Raum erleuchtete. Es war eher ein Lichtschimmer. Auf einmal huschte eine Silhouette durch das Studio. Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit. Die Gestalt war ein dunkelhaariger junger Mann mit einem weißen Ripp-shirt und einer hellgrauen Sporthose bekleidet. Barfuß schritt er durch den Saal. Sein Körper war angespannt. Seine Muskeln hart. Seine Arme holten aus und er drehte sich um seine eigene Achse, um die sieben Mal. Der Atem in meinen Lungen stockte. Diese Eleganz und Körperbeherrschung, waren nicht das einzige was mich faszinierte. Der Körper der von den Schatten gefangen genommen wurde und im nächsten Augenblick wieder losgelassen wurde, hatte etwas episches, etwas mystisches. Es war der Ausdruck in seinen Augen. Das Gefühl das er in jeden Schritt legte. Ich fing an mir die Melodie und das Thema des Liedes vorzustellen, anhand seiner Mimik und Gestik. Ein junger Mann der seinen Freundin verloren hatte, durch den Einfluss einer höheren Gewalt. Und jetzt mit der Einsamkeit kämpfte. Der Term in seinen Augen, die gezielten Handbewegungen schienen kontrolliert zu sein jedoch im Gesamtbild betrachtet verlor er sich in eine Art Ekstase. Seine Bewegungen wurden ungenauer. Es schien so als würde er Ausschlagen. Er litt! Er taumelte. Sein Körper bebte, doch er hörte nicht auf sich zu drehen, sich zu winden, sich zu zerstören in einem Wahn des Tanzes. Er gab alles, als würde er vor tausenden von Menschen tanzen. Ich glaubte ihm! Jeden Schritt, jede Ausfallbewegung, jede Pirouette, ich kaufte ihm das alles ab!Er berührte mein Herz auf eine Weise, die ich nie zuvor gespürt hatte. Ich litt. Ich fühlte mit ihm. Ich trauerte. Ich verzweifelte. Ich weinte. Mit ihm! Er umschlang seinen Oberkörper, als würde ihm das Unberührte weh tun. Als wäre ihm sein warmer, verschwitzter Körper fremdes Fleisch geworden. Mit ihm formte er das bittersüße Wort VERLUST. Er schrie innerlich, seine Augen sprachen von Pein, Schmerz, Einsamkeit, Trauer, Sehnsucht und Leid. Er ließ sich schweißgebadet auf den Boden fallen mit einer Wucht, die mich erschrak. Seine Hände presste er gegen sein Gesicht. Seine dunklen, beinahe rabenschwarze Haare klebten ihm im Antlitz. Er krümmte sich auf eine Weise, dass seinen Kopf am Boden zwischen seinen Beinen verschwand. Er sprang, bzw. glitt mühelos in den Spagat. Mit einer raschen Bewegung stand er auf und taumelte vor. Seine Brust hob und senkte sich unter der Anspannung, doch er blieb nicht stehen, anstatt dessen nahm er Anlauf für einen Sprung. Diese Grazie, dieser Sprung, dieser Moment. Ich wischte mir über das Gesicht, mit dem Handrücken weil mir alles vor meinen Augen verschwamm. So eine starke Leidenschaft für die Kunst hatte ich noch nie in meinem gesamten Leben gesehen. Er tanzte so gefühlsvoll, dass ich glaubte meine Gefühle wieder darin zu erkennen. Mein Herz schlug schneller und lauter, als der Beat durch die Gaswand hallte. Das Lied schien sich dem Ende zu neigen und der Junge der gerade tänzerisch sich die Seele aus dem Leib geschrien hatte, war wieder ein normaler unberührter Jugendlicher, der entspannt zur Anlage ging um das  Lied zu wechseln. Dabei entdeckte er mich, hinter der Glaswand. Heulend vor Begeisterung und sprachlos, mit einem Blick der Bewunderung und ein leichten Hauch von Scham, ihn bei so einem privaten Moment beobachtet zu haben. Doch die ganze Trauer in seinen Augen war verschwunden und zurück geblieben war nur eine liebevolle Wärme. Ich spürte wie mein Körper leicht nachgab, meine Knie schlotterten und mir langsam die Nase lief. Es hatte mich so sehr mitgerissen, als hätte ich selbst das Parkett zum Glühen gebracht. Er schaute mich tief mit seinen grünen Augen an. Seinen Haare klebten ihm im Gesicht vor Schweiß. Sein einst weißes Rip-shirt war jetzt fast durchsichtig und man konnte jeden einzelnen Muskel seiner sterblichen Hülle sehen. Ich fing an, auf einmal an zu klatschen. Ich hörte nicht auf. Ich dankte ihm mit meinen Blick, dass ich Zeuge seiner Kunst geworden war, dieses Augenblicks von menschlicher Schwäche. Er nickte mir zu und warf mir einen verlegenen Blick zu. Er ging aus dem Raum und ich beschloss weiter meinen Heimweg an zutreten. In meinem Herzen verspürte ich neue Kraft und Hoffnung. Ich war glücklich, ein Gefühl das ich seit langen nicht mehr gespürt hatte.

Ich danke dir kleiner Tänzer, für den Einblick in deine Seele. Es gibt doch noch die Liebe und Leidenschaft.
Die Liebe zum Tanz.

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